Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Die geliehene Schuld

Claire Winter



Wir schreiben das Jahr 1949. Vera Lessing arbeitet in Berlin für die Zeitschrift „Echo“ in der Kulturredaktion. Sie verlor ihre Eltern und ihren Ehemann im Krieg, nach Kriegsende wurde sie von russischen Soldaten verschleppt. Ihr bester Freund ist der junge Jonathan, der bei der gleichen Zeitung, nur im Ressort Politik arbeitet. Er arbeitet an einer äußerst brisanten Enthüllungsgeschichte. Jonathan liebt Marie Weissenburg, die in Bonn für Konrad Adenauer als Schreibkraft arbeitet. Marie kommt eigentlich auch aus Berlin, ihre Familie, sprich ihre Mutter, sie und ihre beiden Bruder konnten sich aus Berlin absetzen, bevor die russischen Truppen die Stadt überrollten. Nun leben sie in einem Vorort von Bonn und trauern um den gefallenen Vater, der im Reichssicherheitshauptamt arbeitete. Marie wird hellhörig, als ein Arbeitskollege ihres Vaters und Freund der Familie bei den Prozessen in Nürnberg angeklagt wird. Nun erst beginnt sie sich mit der Rolle ihres geliebten Vaters beim RSHA auseinander zu setzen.
Auch Marie findet sofort Gefallen an dem aufgeweckten, intelligenten , attraktiven Journalisten Jonathan, der sie mit seiner Offenheit, Lebensfreude und Neugier aus ihrer Ratlosigkeit holt. Warum sie ihrer Familie nichts über ihre Liebe erzählt, kann Marie selbst sich nicht genau erklären. Um ihre Zweifel am Vater zu zerstreuen, fährt Marie für einen Tag nach Nürnberg, um den Prozess zu verfolgen. Dort lernt sie die junge Lina kennen, Lina ist aus Deutschland nach Amerika geflohen, ihre Familie starb in Auschwitz. Nur sie und ihr Bruder überlebten. Die beiden jungen Frauen freunden sich miteinander an, aber Maries Zweifel werden immer grösser.
Vera, Jonathan, Marie und Lina sind die Hauptpersonen in diesem an Handlungs- und Beziehungsfäden reichen Roman. Eigentlich ist dieser Roman eine Liebesgeschichte, eine wilde Jagd nach der Wahrheit, dazu eine Prise internationale Irrungen und Wirrungen, ein spannender Krimi, eine Mördersuche mit einem Schuss Politik eingebaut ins Jahr 1949. Ein wilder Mix aus Liebe, Mord und Krimi und doch bringt dieser Roman dem Leser schlicht und einfach ganz nebenbei komplexe und schwierige historische Ereignisse nahe: Die Gründung der jungen Bundesrepublik, Reparationszahlungen, Konflikte zwischen den Besatzungsmächten, die Nürnberger Prozesse, die Rattenlinie und nicht zuletzt die unrühmliche Rolle vor allem der Amerikaner, aber auch einiger Deutscher beim Aufbau der „Organisation Gehlen“, dem späteren und heutigen BND, durch den Nazi Gehlen, der großteils Ehemalige der SS, des SD, der Gestapo, der Abwehr und vor allem Offiziere der Wehrmacht für seine Organisation rekrutierte. Die Organisation, die die junge BRD vor „Angriffen von außen und innen“ schützen sollte war nichts als ein von den Amerikanern finanziertes Auffang- und Karrierebecken hochrangiger Naziseilschaften.
Mich trieb die Frage um, ob man Historie, solche schweren staatstragenden, kriminellen Sachverhalte, die uns heute unglaublich scheinen, die unseren Staat aber bis heute prägen, so trivial und schlicht einpacken darf und habe für mich entschieden, so lange das jemand so gut, spannend und lesbar macht wie Claire Winter, dann darf, dann muss man das sogar! Leichter Lesestoff mit schwerem Thema, bravourös gemacht, absolut lesenswert! Leichte Kost, mit schwerem Inhalt, wunderbar gemacht, Zeitgeschichte, kritische Zeitgeschichte gehüllt in den Mantel der Unterhaltungslektüre. LESEN! LESEN! LESEN!

Tags: Spionage, Zweiter Weltkrieg, Nachkriegszeit

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