Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Ein Bild von Lydia

Lukas Hartmann



Der Fall Lydia Escher schockierte die noch junge Schweiz: Lydia Welti-Escher (1858-1891) war die einzige Tochter des mächtigen Politikers und Wirtschaftsführers Alfred Escher und Augusta Escher-Uebel. Sie wuchs im Belvoir auf, einem herrschaftlichen Anwesen bei Zürich. Im Alter von sechs Jahren verlor Lydia ihre Mutter und wurde fortan von Großmüttern und Erzieherinnen aufgezogen. Lydia Eschers Jugendzeit unterschied sich wesentlich von derjenigen junger Zürcherinnen aus großbürgerlichen Kreisen, sie unterstützte ihren Vater bei Schreibarbeiten, führte den Haushalt im Belvoir und wuchs in die Rolle der Gastgeberin hinein. Ein gerngesehener Gast im Belvoir und väterlicher Freund von Lydia Escher war der Dichter Keller. Lydia sprach mehrere Sprachen, war kulturell gebildet, musisch interessiert und fasziniert vom schöpferischen Genius und Entwicklungsprozess in der bildenden Kunst.

Am 4. Januar 1883, nicht einmal 1 Jahr nach dem Tod ihres geliebten Vaters heiratete Lydia Escher Friedrich Emil Welti – den farblosen Sohn des damals mächtigsten Bundesrates Emil Welti. Friedrich stieg dank der Heirat mit der Escher-Tochter in den Olymp der Schweizer Wirtschaft auf, durch ihn lernte Lydia seinen Jugendfreund, den Maler Karl Stauffer-Bern kennen. Das reiche Ehepaar wirkte als Mäzen für Stauffer-Bern und ermöglichte ihm die Arbeit in Italien. Im Oktober 1889 siedelten auch sie nach Florenz über. Kurz darauf reiste Friedrich Emil Welti wieder in die Schweiz und ließ seine Frau in Karl Stauffers Obhut zurück. Die beiden wurden ein Liebespaar. Lydia Welti-Escher wollte sich von ihrem Mann scheiden lassen und Karl Stauffer heiraten. Zusammen flohen sie nach Rom. Dadurch aufgeschreckt, wurde Friedrich Emil Welti aktiv. Bundesrat Emil Welti ließ seine Beziehungen zugunsten seines Sohnes spielen, und die Schweizer Gesandtschaft in Rom leistete wichtige Handlangerdienste. Das Schicksal des jungen Liebespaares war besiegelt: Lydia Welti-Escher wurde in ein Römer Irrenhaus interniert und Karl Stauffer inhaftiert. Man beschuldigte ihn der Entführung, des Diebstahls und der Vergewaltigung einer Irrsinnigen. Von allen Vorwürfen wurde Stauffer im Juni 1890 freigesprochen. Die Ehe Welti-Escher wurde geschieden und Lydia zahlte ihrem Ehemann die enorme Summe von 1,2 Mrd. Franken als Entschädigung. Sie galt nun als Geächtete und nahm ihren Wohnsitz 1890 in Champel bei Genf. 1890 noch gründete sie die „Gottfried Keller Stiftung“ eine renommierte Sammlungsinstitution für Kunst. Im Jahr 1891, im selben Jahr wie Ihre grosse Liebe Karl Stauffer-Bern beendete Lydia ihr Leben.
Dieser Frau setzt Lukas Hartmann in „Ein Bild von Lydia“ ein wunderbares Denkmal. Er schildert ihr Leben aus der Sicht von Luise, dem Dienstmädchen Lydias. Alle Personen, Handlungen, Orte dieses Buches sind biographisch. Auch Lukas Hartmann versucht ein Bild von Lydia zu schaffen, ein literarisches Bild, elegant, ergreifend und tragisch und doch bleibt auch ihm -und dem- Leser Lydia ein Rätsel, Fragen bleiben offen, Ihr Bild scheint auf immer unvollendet, wie das Bild Lydias im roten Kleid, das Karl Stauffer-Bern ebenfalls unvollendet hinterließ.
Ein wunderbares Buch für anspruchsvolle Leser!

Tags: Kunst, Biografie, Schweiz

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