Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Der Wanderer Das Leben des Theodor Fontane

Hans-Dieter Rutsch



Der letzte Satz von Hans- Dieter Rutsch klingt sehr bescheiden, als er nach dieser vielschichtig und breitgestreuten Biographie schreibt;
"Es ist, als ob wir noch immer am Anfang einer langen Wanderung stehen."
Sicherlich bezieht er sich damit auch auf die immer noch verschollenen Tagebücher und
vielleicht ist es auch der Ausgangspunkt eines Schriftstellers, der eine Biographie schreiben möchte,
dass er immer das Credo hat, dass man einen Menschen niemals im Ganzen kennen kann.

Um Fontanes Leben zu schildern, bewegt sich Rutsch tänzerisch durch diese Zeit, die vor 200 Jahren,
also 1819 begann und 1898 endete. Allerdings tut er das nicht zwingend chronologisch sondern es wirkt, als hätte er den Dichter so weit verinnerlicht, dass er sich in dessen Leben und Werk intuitiv bewegen kann, so wie
ein Tänzer sich zum Rhythmus der Musik bewegt.
Es ist die Zeit, als die Hymne der Deutschen erstmals gedruckt wurde.
Die Zeit in der Radio und Fernsehen noch nicht erfunden waren und die ersten Telefonleitungen
verlegt wurden. Der Verkauf gedruckter Zeitungen beginnt.
Er nimmt uns sofort mit auf die Lebensreise des Wanderers, die in Neuruppin beginnt, denn dort verbringt Fontane seine ersten Jahre. Dieser schrieb nicht nur Wanderungen durch die Mark Brandenburg er war auch wirklich ein
Wanderer und verließ das Elternhaus schon mit 10 Jahren, mal im Internat wohnend, mal beim Onkel. Dadurch fehlt ihm schon damals der Halt und fühlte sich durch die autoritäre Erziehung im Elternhaus später auch anderen Autoritäten nicht gewachsen. Er wusste schon als Jugendlicher, dass seine Welt das Schreiben ist.
Da die Eltern Apotheker waren, lernt er auch zunächst den Beruf des Apothekergehilfen, mehr aus Verlegenheit,
um erst einmal Geld zu verdienen. Später arbeitet der Dichter als Journalist bis er im Alter von 30 Jahren
völlig überzeugt ist und Schriftsteller werden MUSS.
Leider verbringt er die meisten Jahre in bitterer Armut. Der Autor vergleicht dieses Leben mit
dem Bild des armen Poeten von Spitzweg. Es sei nur noch viel schlimmer gewesen.
Erst mit 75 Jahren braucht sich Fontane nicht mehr ums Geld zu sorgen.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ist er in seinen letzten Lebensjahren voller Tatendrang. Gearbeitet wird mehr als zuvor, das Arbeitspensum wird verdreifacht und an Schlaf ist nicht oft zu denken.
Von ihm kommt der Spruch; Man sieht nur dass, was man weiß.
Oder auch; Wenn man glücklich ist, sollte man nicht noch glücklicher sein wollen.
Und mit der Sehnsucht sich tief einzufühlen in die Dinge, war er wandernd unterwegs.
Hübsch fand ich auch wie Rutsch den Bezug Fontanes zu den Frauen beschreibt;
"Er sieht in den Frauen die Wurzel des Humanen."
Zum Ruhm gelangt er zu Lebzeiten nicht.
Der Kult um ihn begann nach seinem Tod 1898.
Zu Kriegszeiten wurde ein Teil seines Werkes von den Nazis missbraucht und verfremdet.
Mal wurden Schriftstücke von ihnen verbrannt, mal wurde er gehuldigt.
Der Krieg spielte auch zu Fontanes Zeiten leider keine geringe Rolle, denn 1870 erklärte Preußen Frankreich den Krieg, weil Napoleon die Gründung des deutschen Reiches kategorisch ablehnte.
Immer wieder nimmt Rutsch Bezug zum Weltgeschehen und zur Politik auf, da Fontane
auch dieses in seine Werke einbindet.
Hochspannend liest man gebannt diese Biographie und taucht im gleichen Moment in die
Geschichte Deutschlands bzw. Europas ein.
Als Leser fühlt man sich, als entdecke man alles zeitgleich mit.
Ich war sehr gebannt von den Schilderungen und ich bin sehr fasziniert von dieser Schreibweise
die alles, die Seele, die Zeitgeschichte und das Umfeld mit einbindet. Die sich an Daten
hält aber nie nüchtern wirkt, die sich am Geschehen entlanghangelt aber auch gerne mal
Haken schlägt.
Ein wahres Lesevergnügen.

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