Buchhandlung Baeuchle

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Buchtipp: Wolfszeit

Harald Jähner



Harald Jähner war Feuilletonchef der Berliner Zeitung und zuvor freier Mitarbeiter im Literaturressort der FAZ.
Seit 2011 ist er Prof. für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin.
Ich glaube, das alles hat dazu beigetragen, dass ihm dieses Meisterwerk geglückt ist.
Vorgenommen hat er sich nicht die Kriegszeit, sondern explizit die Nachkriegsjahre, die er hier
bis 1955 abdeckt.
Gar manchmal habe ich mich gefragt, wie ging es nach dem Krieg weiter. Wie konnten die Menschen
weitermachen. Wo konnten sie ansetzen in diesem Chaos.
Diesem Chaos gibt der Autor Struktur, sodass man am Ende wirklich ein Gefühl für die Zeit bekommt.
Man kann über die Arbeit in den Trümmer lesen und davon, dass in Freiburg besonders akkurat
gearbeitet wird. Einige stapeln geradezu künstlerisch und auch für die Kunst werden die Trümmer
verwendet. Manche Fotosession für die Modefotografie findet dort statt.
Berichtet wird über die ehemaligen Zwangsarbeiter und Juden, die jetzt entheimatet sind und meist nur weiter in
irgendwelchen Lagern leben mussten, da sie sonst keine Bleibe hatten. Lastenausgleich ist ein großes Wort, dass bald niemand mehr hören kann, damit sollten die Kriegsgeschädigten entschädigt werden.
Die Meisten müssen erst wieder ihren Platz in der Welt finden und am reichsten sind die Menschen,
die einen Schrebergarten besitzen. Denn viele lernen jetzt noch den Hunger kennen.
Das kulturelle Leben läuft dennoch an. Es wird wieder getanzt, ein regelrechter Übermut sprudelt da heraus
Die Kinosäle füllen sich ebenfalls und der Schwarzmarkt blüht.
Ein wahrer Kulturhunger brach aus und man konnte wieder Beethoven lauschen und den Dirigenten
beim Herrschen zusehen.
Zwischen 1945 und 48 hatten die Theater eine Auslastung von 80 Prozent.
In der Kunst war auch wieder alles offen. Es gab ein Gemisch von verschiedenen Stilen später
Expressionismus, gegenständliche Melancholie, surreale Traumwelten.
Es wird grundsätzlich neu über die Kunst diskutiert, über Natürlichkeit und entartete
Kunst, vieles wird überdacht und in Frage gestellt.
Das war auch bei den Ehepaaren so. Nach Kriegsende war die Scheidungsrate auf das Doppelte des
Vorkriegsniveaus gestiegen.
Jähner beschreibt hier sehr gut die Misere der Paare, die sich nach dem Krieg zwar wiedersahen,
aber keine Einheit mehr bilden konnten.
Wir lesen von den missratenen Entnazifizierungversuchen und vom Umgang der Alliierten mit den
Deutschen. Harald Jähner bietet uns ein ganzes Panorama dieser Zeit in Deutschland.
Und ja, wenn es als Mentalitätsgeschichte bezeichnet wird, muss ich da zustimmen.
Denn besonderes Augenmerk legt er auf die Gedanken, Einstellungen und Gefühle der Menschen, die
gepaart sind mit den Fakten und Gegebenheiten.
Das verleiht dem Buch eine große Tiefe, Präsenz, Lebendigkeit und Spannung.
Ich habe es von der ersten bis zur letzten Seite völlig gebannt gelesen und bin sehr begeistert
und hab mich riesig gefreut, als er den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch bekam.

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